top of page

Magnesium & Krämpfe: Mythos und Fakt

  • Autorenbild: Praxis-Strandallee
    Praxis-Strandallee
  • vor 4 Tagen
  • 6 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 4 Tagen

Wadenkrampf

Was stimmt wirklich – und was hilft am meisten?

Muskelkrämpfe – vor allem nachts in Wade oder Fuß – sind ein Klassiker: plötzlich, schmerzhaft, oft ohne erkennbaren Auslöser. Viele greifen dann reflexhaft zu Magnesium. Schließlich „weiß man“: Krampf = Magnesiummangel. Die Wissenschaft zeichnet jedoch ein differenzierteres Bild: Magnesium kann sinnvoll sein – aber längst nicht immer, und oft ist etwas anderes wirksamer.

Dieser Artikel ordnet die häufigsten Mythen ein, erklärt die wichtigsten Ursachen und zeigt, welche Maßnahmen bei Krämpfen am meisten bringen.


1) Was sind Muskelkrämpfe überhaupt?

Ein Muskelkrampf ist eine plötzliche, unwillkürliche, schmerzhafte Muskelkontraktion, die Sekunden bis Minuten anhalten kann. Häufig betroffen sind:

  • Waden- und Fußmuskeln (typisch nachts)

  • Oberschenkel (seltener)

  • Belastungsabhängige Krämpfe beim Sport oder bei Arbeit (z. B. in Hitze)

Wie häufig ist das?

Nachts auftretende Beinkrämpfe sind sehr verbreitet – in manchen Erhebungen berichten 50–60 % der Erwachsenen darüber (mit zunehmendem Alter häufiger). (aafp.org)

Wichtig: Krampf ist nicht gleich Krampf

„Nächtliche Wadenkrämpfe“ sind etwas anderes als:

  • Restless-Legs-Syndrom (unangenehmer Bewegungsdrang, eher kein „hartes Zuziehen“)

  • Schmerzen durch Durchblutungsstörungen (z. B. Schaufensterkrankheit)

  • Neurologische Ursachen (z. B. Nervenwurzelreizung)

Wenn du dir unsicher bist, lohnt sich ärztliche Abklärung – besonders bei Warnzeichen (siehe unten).

2) Mythos vs. Fakt – was stimmt wirklich?


Mythos 1: „Krämpfe bedeuten fast immer Magnesiummangel.“

Fakt: Bei ansonsten gesunden Menschen ist ein echter, symptomatischer Magnesiummangel durch zu geringe Zufuhr eher selten, weil die Niere Magnesium normalerweise gut „zurückhält“. (Büro für Nahrungsergänzungsmittel) Mangel wird wahrscheinlicher bei Verlusten oder Malabsorption, z. B. bei:

Außerdem: Serum-Magnesium (Blutwert) spiegelt den Gesamtspeicher nur begrenzt wider – Magnesium ist überwiegend in Zellen und Knochen, nicht im Blut. (Büro für Nahrungsergänzungsmittel)

Merksatz: Viele Krämpfe sind idiopathisch (ohne klaren Mangel) – und brauchen andere Strategien als „einfach Magnesium“.


Mythos 2: „Magnesium hilft bei nächtlichen Krämpfen zuverlässig.“

Fakt: Für typische nächtliche Beinkrämpfe (vor allem bei älteren Erwachsenen) zeigt die beste Gesamtschau der Studien:Magnesium ist eher unwahrscheinlich klinisch wirksam zur Vorbeugung. (Cochrane)

  • Die Cochrane-Analyse (2020) kommt zu dem Schluss, dass Magnesium bei älteren Erwachsenen die Häufigkeit/Schwere von Krämpfen wahrscheinlich nicht relevant reduziert. (Cochrane)

  • Ein gut gemachtes RCT (Magnesiumoxid vs. Placebo) fand keinen signifikanten Vorteil. (PMC)

  • Eine aktuelle ärztliche Evidenz-Zusammenfassung (AAFP, 2023) bewertet die Daten insgesamt als limitiert; einzelne Studien zeigen ggf. kleine Effekte erst nach längerer Einnahme, aber insgesamt bleibt der Nutzen unsicher.

Was heißt das praktisch? Magnesium ist kein „Wundermittel“. Wenn es hilft, dann häufig:

  • weil tatsächlich ein Mangel/Mehrbedarf vorliegt, oder

  • durch Placeboeffekt, oder

  • weil parallel andere wirksame Maßnahmen erfolgen (z. B. Stretching, Hydration, Trainingsanpassung).


Mythos 3: „In der Schwangerschaft ist Magnesium eindeutig bewiesen.“

Fakt: In der Schwangerschaft ist die Studienlage gemischt. Cochrane (2020) berichtet: Magnesium kann die Häufigkeit von Krämpfen reduzieren, aber die Ergebnisse sind uneinheitlich, und die Sicherheit/Qualität der Evidenz ist begrenzt. (Cochrane)Auch die größere Krampf-Übersicht (Cochrane 2020 zu Muskelkrämpfen allgemein) betont für Schwangerschaftskrämpfe: widersprüchliche Literatur – weitere Forschung nötig. (Cochrane)

Praktisch: In der Schwangerschaft kann ein individueller Versuch sinnvoll sein – aber nicht als Automatismus, und idealerweise nach Rücksprache (v. a. bei Begleiterkrankungen).


Mythos 4: „Magnesium-Spray/Öl wirkt besser, weil es über die Haut aufgenommen wird.“

Fakt: „Transdermales Magnesium“ ist populär – die belastbare Evidenz ist aber dünn.

  • Ein wissenschaftlicher Übersichtsartikel („Myth or Reality—Transdermal Magnesium?“) diskutiert die Datenlage kritisch und zeigt: Es gibt Untersuchungen, aber keinen eindeutigen Nachweis, dass topische Anwendung zuverlässig den Magnesiumstatus verbessert. (PMC)

  • Eine Studie in PLOS ONE untersuchte Magnesium-Creme und die Frage der Aufnahme – insgesamt bleibt die klinische Relevanz und Übertragbarkeit auf Krämpfe unklar. (PLOS)

Praktisch: Wenn dir Einreiben/Massage hilft, kann das an Wärme, Massageeffekt und Entspannung liegen – nicht zwingend an einer relevanten Magnesiumaufnahme.


Mythos 5: „Viel hilft viel – Magnesium ist harmlos.“

Fakt: Die häufigste Nebenwirkung ist Durchfall/Übelkeit – in Studien traten gastrointestinale Beschwerden relativ häufig auf. (Cochrane)Wichtiger: Bei eingeschränkter Nierenfunktion steigt das Risiko, Magnesium nicht ausreichend ausscheiden zu können. Dann kann es – insbesondere bei hohen Dosen oder magnesiumhaltigen Abführmitteln/Antazida – zu Magnesium-Überdosierung (Hypermagnesämie) kommen. (Büro für Nahrungsergänzungsmittel)

Grenzwerte/Orientierung:

  • Das BfR empfiehlt für Nahrungsergänzungsmittel eine Höchstmenge von 250 mg Magnesium/Tag (pro Tagesverzehrempfehlung) und rät zur Aufteilung auf mehrere Portionen. (Bundesinstitut für Risikobewertung)

  • In den USA liegt der „Tolerable Upper Intake Level“ für Magnesium aus Supplementen/Medikamenten bei 350 mg/Tag (Erwachsene). (Büro für Nahrungsergänzungsmittel)

Praktisch: Mehr ist nicht automatisch besser – und bei Nierenerkrankungen ist Vorsicht Pflicht.


Magnesium-Dosis


Mythos 6: „Alle Magnesiumformen sind gleich.“

Fakt: Magnesium gibt es in verschiedenen Verbindungen (z. B. Oxid, Citrat, Chlorid). Die Aufnahme (Bioverfügbarkeit) unterscheidet sich: gut lösliche Formen werden tendenziell besser aufgenommen; kleine Studien zeigen z. B. für Citrat/Laktat/Chlorid teils bessere Bioverfügbarkeit als Oxid. (Büro für Nahrungsergänzungsmittel)

Aber: Selbst wenn eine Form besser aufgenommen wird, heißt das nicht automatisch, dass sie Krämpfe zuverlässig verhindert – denn viele Krämpfe haben andere Ursachen.

3) Was hilft bei Krämpfen am meisten?

Wenn Magnesium nicht der „Haupthebel“ ist – was dann?

A) Das wirksamste Basis-Tool: Dehnen vor dem Schlafen

Es gibt randomisierte Studien, die zeigen: Regelmäßiges Dehnen von Wade und Oberschenkelrückseite direkt vor dem Zubettgehen kann Häufigkeit und Schmerzstärke nächtlicher Krämpfe reduzieren. (PubMed)

Mini-Routine (ca. 2–3 Minuten):

  • Waden-Dehnung (mit gestrecktem Knie, Ferse am Boden) 30–45 s je Seite

  • Hamstring-Dehnung (Oberschenkelrückseite) 30–45 s je Seite

  • täglich, idealerweise abends

B) Akutmaßnahmen in der Nacht

Wenn der Krampf da ist:

  1. Gegenspieler aktivieren: Fußspitze Richtung Schienbein ziehen (Dorsalextension)

  2. Aufstehen & ein paar Schritte gehen

  3. Massage (ausstreichen), ggf. Wärme (Wärmflasche)

  4. Nach Abklingen: kurz sanft nachdehnen

C) Auslöser finden und reduzieren

Ein Krampf ist oft „das Endprodukt“ aus mehreren Faktoren:

  • ungewohnte Belastung / Muskelermüdung

  • Flüssigkeitsmangel oder Hitze

  • ungünstiges Schuhwerk / Fußfehlstellung

  • lange sitzende Positionen (Waden verkürzen)

  • bestimmte Medikamente oder Erkrankungen

Die AAFP betont zudem: Für nächtliche Krämpfe sind routinemäßige Laborchecks meist nicht nötig; die Diagnose ist primär klinisch, und Dehnen/Massage kann als Versuch empfohlen werden. (aafp.org)

D) Medikamentöse Optionen – mit Vorsicht

Früher wurde Chinin genutzt, heute nicht empfohlen (Nebenwirkungen/Risiken). (aafp.org) Andere Medikamente werden manchmal diskutiert, aber die Evidenz ist begrenzt und es gehört in ärztliche Hand.

4) Wenn du Magnesium ausprobieren willst: so machst du es sinnvoll und sicher

Ein zeitlich begrenzter Test ist okay – besonders, wenn du zu einer Risikogruppe für niedrige Magnesiumversorgung gehörst (z. B. chronische GI-Erkrankung, Typ-2-Diabetes, höheres Alter). (Büro für Nahrungsergänzungsmittel)

Praktisches Vorgehen (Erwachsene, ohne Nierenerkrankung)

  • Dauer: 4–8 Wochen (manche Studien schauen nach 4 Wochen; einzelne Effekte werden erst später gesehen) (Cochrane)

  • Dosis: eher moderat (Orientierung: BfR 250 mg/Tag aus NEM nicht überschreiten) (Bundesinstitut für Risikobewertung)

  • Verträglichkeit: bei Durchfall Dosis reduzieren, aufteilen oder absetzen

  • Form: gut lösliche Formen sind tendenziell besser bioverfügbar als Oxid; dennoch zählt vor allem Verträglichkeit. (Büro für Nahrungsergänzungsmittel)

Wichtige Wechselwirkungen (Timing!)

Magnesium kann die Aufnahme bestimmter Medikamente deutlich vermindern. Das NIH ODS nennt u. a.: (Büro für Nahrungsergänzungsmittel)

Wenn du Medikamente nimmst: Abstand/Interaktionen immer kurz checken (Apotheke/Arztpraxis).

5) Wann solltest du Krämpfe ärztlich abklären lassen?

Bitte nicht alles „weg-supplementieren“, wenn Warnzeichen da sind. Abklärung ist sinnvoll bei:

  • einseitiger Schwellung, Rötung, Überwärmung (Thromboseverdacht)

  • neurologischen Symptomen: Taubheit, Schwäche, Lähmungsgefühl

  • Belastungsschmerz in den Waden mit Besserung in Ruhe (Hinweis auf Durchblutungsstörung)

  • häufigen, zunehmenden, sehr starken Krämpfen oder Krämpfen + Muskelzuckungen

  • bekannter Nierenerkrankung (insbesondere vor Magnesiumeinnahme) (Büro für Nahrungsergänzungsmittel)

  • Schwangerschaft mit zusätzlichen Beschwerden (z. B. Blutdruckprobleme, starke Ödeme, Schmerzen)

6) Fazit: Was stimmt – und was hilft am meisten?

  • Magnesium ist nicht gleich Magnesiummangel. Viele nächtliche Krämpfe sind idiopathisch. (Cochrane)

  • Für ältere Erwachsene mit typischen nächtlichen Krämpfen ist Magnesium als Prophylaxe eher unwahrscheinlich klinisch wirksam (beste Evidenzlage). (Cochrane)

  • Stretching vor dem Schlafen ist eine der Maßnahmen mit nachweisbarem Nutzen. (PubMed)

  • In der Schwangerschaft ist Magnesium möglich, aber die Evidenz ist nicht eindeutig. (Cochrane)

  • Sicherheit zählt: Dosis moderat halten (BfR: 250 mg/Tag aus NEM), auf Nebenwirkungen achten, Interaktionen beachten – und bei Nierenerkrankung besonders vorsichtig sein. (Bundesinstitut für Risikobewertung)

Quellen (Auswahl):

  • Cochrane: Magnesium for muscle cramps (Update 2020) (Cochrane)

  • Maor et al. 2017: RCT Magnesiumoxid vs. Placebo bei nächtlichen Beinkrämpfen (PMC)

  • AAFP 2023: Evidenz-Update Magnesium bei nächtlichen Beinkrämpfen (FPIN)

  • AAFP 2012: Überblick „Nocturnal Leg Cramps“ inkl. Häufigkeit/Empfehlungen (aafp.org)

  • Hallegraeff et al. 2012: RCT Stretching vor dem Schlafen (PubMed)

  • NIH Office of Dietary Supplements: Magnesium Fact Sheet (Risiken, UL, Interaktionen, Bioverfügbarkeit) (Büro für Nahrungsergänzungsmittel)

  • BfR: Höchstmengenvorschlag Magnesium in Nahrungsergänzungsmitteln (250 mg/Tag) (Bundesinstitut für Risikobewertung)

  • Cochrane: Interventions for leg cramps during pregnancy (Cochrane)

  • Gröber et al. 2017: „Transdermal Magnesium – Myth or Reality?“ (PMC)

  • Kass et al. 2017 (PLOS ONE): Transdermale Magnesium-Creme – Serum/Urin-Magnesium (PLOS)

Kommentare

Mit 0 von 5 Sternen bewertet.
Noch keine Ratings

Rating hinzufügen
Nahaufnahme eines Viruspartikels

Was man zur RSV-Impfung wissen muss

RSV ist ein Virus, das die Atemwege befällt. Erkrankungen durch da ...

Operatives Team

Hüftarthrose - Wann eine OP erforderlich ist

Hüftarthrose ist ein fortschreitender Verschleiss des Hüftgelenks, ...

Praxis Dr. med. Götz M. Kallien & Dr. med. Claudia Evers

Strandallee 94 a, 23669 Timmendorfer Strand

©2025 von Praxis Strandallee. Erstellt mit Wix.com

bottom of page