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Hüftarthrose - Wann eine OP erforderlich ist

  • Autorenbild: Praxis-Strandallee
    Praxis-Strandallee
  • vor 5 Tagen
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 5 Tagen



1) Kurzüberblick: Was bedeutet Hüftarthrose – und warum ist die OP-Frage so häufig?

Coxarthrose (Hüftarthrose) ist ein fortschreitender Verschleiß des Hüftgelenks. Knorpel, Knochen und umliegende Strukturen verändern sich über Jahre. Typisch sind Leistenschmerz, Anlaufschmerz, Bewegungseinschränkung (v. a. Innenrotation) und eine spürbare Einschränkung im Alltag.

Wichtig: Eine Operation ist bei Coxarthrose selten „notfallmäßig“ notwendig – meist ist sie das Ergebnis einer geplanten Entscheidung, wenn konservative Maßnahmen nicht (mehr) ausreichend helfen und die Lebensqualität deutlich leidet. Leitlinien betonen dabei: Nicht das Röntgenbild allein entscheidet, sondern vor allem Schmerz, Funktion und Lebensqualität. (NICE)


2) Wie wird die Diagnose gestellt – und was sagt das Röntgen wirklich aus?

Klinische Diagnose steht im Vordergrund

Bei typischer Symptomatik kann Arthrose häufig klinisch diagnostiziert werden; Bildgebung ist nicht immer zwingend, sondern v. a. dann sinnvoll, wenn atypische Verläufe vorliegen oder andere Ursachen ausgeschlossen werden müssen. (NICE)

Röntgenbefund ≠ Beschwerdeausmaß

Röntgen zeigt typische Arthrosezeichen (Gelenkspaltverschmälerung, Osteophyten, Sklerose, Zysten). Dennoch gilt: Beschwerden und Röntgenstadium korrelieren nicht perfekt – manche Menschen haben deutliche Veränderungen bei moderaten Beschwerden und umgekehrt. Für die OP-Entscheidung ist deshalb die Alltagsbeeinträchtigung zentral. (NICE)


3) Zuerst konservativ: Welche Behandlung sollte vor einer OP ausgeschöpft sein?

Internationale und deutsche Empfehlungen sind hier klar: Vor einer Hüft-TEP sollen medikamentöse und nicht-medikamentöse konservative Maßnahmen kombiniert werden. (AWMF Leitlinienregister)

Kernelemente (häufig sinnvoll – individuell anpassen)

  • Information, Edukation, realistische Ziele (Selbstmanagement, Aktivitätssteuerung). (NICE)

  • Therapeutisches Training (Kraft, Mobilität, Ausdauer; idealerweise angeleitet). (NICE)

  • Gewichtsmanagement, falls Übergewicht vorliegt (schon moderate Reduktion hilft). (NICE)

  • Gehhilfen/Stock bei Bedarf (Entlastung, sicherer Gang). (NICE)

  • Schmerztherapie (z. B. NSAR – möglichst niedrig dosiert/kurzzeitig, Risiken beachten; ggf. Magenschutz). (NICE)

  • Intraartikuläre Kortisoninjektion: kann kurzfristig helfen (Wochen), ersetzt aber keine langfristige Strategie. (NICE)


Was ist mit Physiotherapie – kann sie eine OP verhindern?

Eine Bewertung des IQWiG zeigt: Physiotherapie kann Beschwerden (u. a. Schmerzen) reduzieren und eine Hüft-TEP hinauszögern; wie lange genau, lässt sich aus Studien derzeit nicht zuverlässig beziffern. (IQWiG)

4) Wann wird eine OP „erforderlich“? – Die evidenzbasierte Entscheidungslogik


Im Kern lautet die leitliniennahe Antwort:

Eine Hüft-TEP wird in Betracht gezogen, wenn Beschwerden und Funktionsverlust die Lebensqualität deutlich einschränken und eine angemessene konservative Therapie nicht ausreichend wirksam ist oder nicht (mehr) geeignet erscheint. (NICE)

4.1 Hauptkriterien (die „großen Drei“)

1) Anhaltender, relevanter Schmerz

  • Schmerzen in Ruhe/Nacht oder bei Alltagsbelastung (Gehen, Treppen, Anziehen)

  • Schmerzmittel helfen nur unzureichend oder sind wegen Nebenwirkungen/Erkrankungen nicht möglich

2) Deutliche Funktions- und Teilhabeeinschränkung

  • Gehstrecke stark reduziert, Unsicherheit/Sturzangst

  • Einschränkungen in Beruf/Haushalt/Hobbys

  • Schlaf gestört, deutlicher Verlust an Lebensqualität (NICE)

3) Konservative Therapie ausgeschöpft oder ungeeignet

  • Training/Physio, Gewichtsmanagement, Hilfsmittel, adäquate Analgesie wurden durchgeführt bzw. sind versucht worden

  • trotzdem bleibt eine relevante Einschränkung bestehen (AWMF Leitlinienregister)


4.2 Rolle der Bildgebung: wichtig – aber nicht allein entscheidend

Ein zur Symptomatik passender Befund (meist Röntgen) unterstützt die Diagnose und OP-Planung. Für die OP-Indikation ist jedoch die klinische Situation maßgeblich. (NICE)


4.3 Was NICHT als Ausschlusskriterium dienen sollte

NICE empfiehlt ausdrücklich: Nicht allein wegen Alter, Geschlecht, Rauchen, Begleiterkrankungen oder Übergewicht (z. B. BMI) von einer Überweisung zur OP-Abklärung ausschließen. Risiken können steigen – aber es braucht eine individuelle Abwägung. (NICE)


4.4 „Zu früh“ vs. „zu spät“ – typische Missverständnisse

  • „Ich muss warten, bis es im Röntgen ganz schlimm aussieht.“ – Nein. Entscheidend ist, wie stark Sie im Alltag eingeschränkt sind. (NICE)

  • „Ich bin zu jung/zu alt für eine TEP.“ – Alter allein ist kein K.-o.-Kriterium; wichtiger sind Ziele, Aktivitätsniveau, Knochenqualität und Risiken. (NICE)

  • „Erst wenn nichts mehr geht, lohnt es sich.“ – Viele profitieren, bevor eine vollständige Immobilität eintritt; gleichzeitig sollte konservativ sinnvoll ausgeschöpft werden. (AWMF Leitlinienregister)


5) Welche OP kommt infrage? – Kurzüberblick über Optionen

Hüft-Totalendoprothese (Hüft-TEP)

Standard bei fortgeschrittener Coxarthrose mit relevanter Symptomatik: Ersatz von Pfanne und Kopf/Schafthals. Fixation zementiert, zementfrei oder hybrid – abhängig von Knochenqualität, Alter, Anatomie und Operateurstrategie.


Gelenkerhaltende Verfahren (selektiv)

Bei bestimmten Ursachen (z. B. Hüftdysplasie, Impingement) und früheren Stadien können gelenkerhaltende Operationen (z. B. Umstellungsosteotomie) eine Option sein – typischerweise eher bei jüngeren Patient:innen und klarer Indikation (orthopädische Spezialabklärung).


Arthroskopie bei Arthrose?

Arthroskopische Spülung/Debridement wird bei Arthrose nicht empfohlen, da der Nutzen nicht überzeugt. (NICE)


6) Was sollte vor der OP abgeklärt und optimiert werden?

Eine gute Vorbereitung senkt Risiken und verbessert Ergebnisse. Typische Punkte:

  • Medizinische Risikobewertung: Herz-Kreislauf, Lunge, Nieren, Blutgerinnung, Anämie

  • Infektfokus ausschließen/therapieren (Zähne, Haut, Harnwege – je nach Situation)

  • Diabetes-Einstellung optimieren, ggf. Gewicht, Ernährung, Bewegung

  • Rauchstopp möglichst frühzeitig (Wundheilung, Infektionsrisiko)

  • „Prehabilitation“: Kraft/Beweglichkeit trainieren, Gangschule, Hilfsmittel planen

(Die konkrete Vorbereitung variiert je nach Zentrum und Begleiterkrankungen.)


7) Was darf man realistisch von einer Hüft-TEP erwarten – und welche Risiken gibt es?

Häufige Ziele

  • Schmerzlinderung

  • Bessere Gehfähigkeit und Alltagsfunktion

  • Mehr Lebensqualität (Schlaf, Mobilität, Teilhabe)

Mögliche Komplikationen (Auswahl)

  • Infektion, Thrombose/Embolie, Luxation, Blutung

  • Beinlängendifferenz, Nerven-/Gefäßverletzung (selten)

  • Lockerung/Materialverschleiß langfristig, ggf. Revisions-OP

Eine individuelle Risiko-Nutzen-Abwägung gehört zwingend zur Entscheidung.

8) Entscheidungs-Checkliste für Patient:innen (praxisnah)

Eine OP-Abklärung ist besonders sinnvoll, wenn mehrere Punkte zutreffen:

  • ☐ Schmerzen trotz Therapie „bestimmen den Tag“ (auch nachts/ in Ruhe)

  • ☐ Gehstrecke deutlich reduziert / Treppen problematisch

  • ☐ Anziehen/Socken/Schuhe nur mit Mühe

  • ☐ Alltag, Beruf oder Hobbys sind stark eingeschränkt

  • ☐ Konservative Maßnahmen wurden konsequent versucht (Training/Physio, Gewichtsmanagement, Analgesie, Hilfsmittel) – ohne ausreichenden Effekt (AWMF Leitlinienregister)

  • ☐ Sie wünschen aktiv eine dauerhafte Lösung nach Aufklärung über Nutzen/Risiken (Shared Decision Making) (NICE)


9) Wann sollte man sofort ärztlich abklären (nicht „typisch Arthrose“)?

Bitte zeitnah ärztlich vorstellen bei:

  • plötzlich stärksten Schmerzen, Unfähigkeit aufzutreten

  • Fieber, stark überwärmtes/gerötetes Gelenk (Infektverdacht)

  • rascher Funktionsverlust, ausgeprägte Ruheschmerzen ohne Erklärung

  • neu aufgetretenen neurologischen Ausfällen


Quellen (Auswahl, evidenzbasiert):

  • AWMF/DGOU: S3-Leitlinie „Indikationskriterien Hüfttotalendoprothese bei Coxarthrose“ (2021). (AWMF Leitlinienregister)

  • NICE: Osteoarthritis in over 16s: diagnosis and management (NG226) – Kriterien zur Überweisung für Gelenkersatz, keine Ausschlusskriterien allein nach Alter/BMI etc., keine numerischen Scores als alleinige Entscheidungsgrundlage. (NICE)

  • IQWiG: Physiotherapie bei Hüftarthrose (HTA kompakt / Presseinfo, 2025) – Hinweise auf Schmerzreduktion und mögliches Hinauszögern einer TEP. (IQWiG)

  • AAOS: Management of Osteoarthritis of the Hip – Clinical Practice Guideline (2023/2024 Update). (AAOS)

  • Lützner et al.: Indication Criteria for Total Hip Arthroplasty in Hip OA – German consensus recommendations (Publikation). (PMC)


Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche Untersuchung oder individuelle Beratung. Bei starken Beschwerden oder Unsicherheit lassen Sie sich bitte persönlich orthopädisch/hausärztlich beraten.

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