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Blähungen: Ursachen, Diagnose und moderne Therapie

  • Autorenbild: Praxis-Strandallee
    Praxis-Strandallee
  • 28. Dez. 2025
  • 6 Min. Lesezeit
Hände am Bauch

Blähungen gehören zu den häufigsten Magen-Darm-Beschwerden. Viele Betroffene erleben ein Spannungsgefühl, vermehrte Windabgänge (Flatulenz) oder einen sichtbar geblähten Bauch (Distension/Meteorismus). Wichtig: Blähungen sind meist harmlos, können aber die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen – und in bestimmten Konstellationen auch ein Hinweis auf eine behandelbare Grunderkrankung sein. Aktuelle Empfehlungen betonen deshalb ein strukturiertes, stufenweises Vorgehen aus Anamnese, zielgerichteter Diagnostik und individuell passender Therapie. (Gastrojournal)


1) Was passiert bei Blähungen im Körper?


Gas im Darm ist normal. Es entsteht vor allem durch:

  • Schluckluft (z. B. hastiges Essen, Sprechen beim Essen, Kaugummi, Rauchen)

  • Fermentation von Kohlenhydraten durch Darmbakterien (z. B. bestimmte Zucker/„FODMAPs“)

    FODMAPs sind fermentierbare Kohlenhydrate und Zuckeralkohole (Oligo-, Di-, Monosaccharide und Polyole), die im Dünndarm schlecht aufgenommen werden und im Dickdarm von Bakterien vergärt werden, was bei empfindlichen Personen (z.B. mit Reizdarmsyndrom) Blähungen, Schmerzen und Verdauungsprobleme verursacht. Beispiele sind Laktose, Fruktose, Fruktane und Polyole (wie Sorbit).

  • Chemische Reaktionen (z. B. Magensäure + Bicarbonat) (Gastrojournal)

Entscheidend ist: Nicht nur die Gasmenge macht Symptome, sondern auch

  • Darmbeweglichkeit (Motilität) und Stuhlverhalten (v. a. Verstopfung)

  • Viszerale Überempfindlichkeit (das Nervensystem des Darms „spürt“ Normaldehnungen als unangenehm)

  • Störungen der Bauchwand-/Zwerchfellkoordination („abdominophrenische Dyssynergie“: Bauch wölbt sich nach außen, obwohl die Gasmenge nicht dramatisch steigt)

  • Mikrobiom-Veränderungen und – bei ausgewählten Risikogruppen – bakterielle Fehlbesiedlung des Dünndarms (SIBO) (Gastrojournal).

    SIBO (Small Intestinal Bacterial Overgrowth): Dabei siedeln sich Bakterien im Dünndarm an, wo sie eigentlich nichts zu suchen haben.


Begriffe (praktisch):

  • Flatulenz: Windabgänge (mehr/geruchsintensiver als üblich)

  • Bloating: subjektives „Aufgebläht sein“

  • Distension/Meteorismus: objektiv sicht-/messbare Bauchumfangszunahme (Gastrojournal)


2) Häufige Ursachen – und typische Hinweise


Blähungen sind ein Symptom, keine Diagnose. Häufig steckt eine Kombination mehrerer Faktoren dahinter.

Mögliche Ursache

Typische Hinweise

Ernährung/Fermentation (FODMAP-reiche Kost, Zuckeraustauschstoffe, Kohlensäure)

Beschwerden nach bestimmten Mahlzeiten, wechselnd, oft ohne „Krankheitsgefühl“ (NICE)

Laktose-/Fruktoseintoleranz oder andere Kohlenhydratintoleranzen

Gas/Diarrhö nach Milch/Obst/Säften; Diagnose oft über Diätversuch + ggf. Atemtest (PMC)

Verstopfung / verzögerte Darmpassage

Völlegefühl, Blähbauch, seltene/harte Stühle, Pressen, unvollständige Entleerung (Gastrojournal)

Reizdarmsyndrom (RDS)

Chronische Beschwerden, oft Bauchschmerz + Stuhlveränderung; Blähungen häufig führend (AWMF Leitlinienregister)

SIBO / Intestinal Methanogen Overgrowth (IMO)

Eher bei Risikofaktoren (z. B. OPs am Darm, Motilitätsstörungen); teils Durchfall (SIBO) oder Verstopfung (methanassoziiert) (Darmzentrum Bern)

Zöliakie

Blähungen + Durchfall/Mangelzeichen möglich; serologische Diagnostik (tTG-IgA/EMA) und ggf. Dünndarmbiopsie (DGVS)

Medikamente (z. B. Metformin, Acarbose, Eisen, bestimmte Laxanzien)

Zeitlicher Zusammenhang nach Beginn/Dosissteigerung

Organische Ursachen (selten, aber wichtig) z. B. Entzündung, Passagehindernis

Red Flags (s. unten), progrediente Beschwerden

3) Wann sollte man Blähungen medizinisch abklären?

Eine ärztliche Abklärung ist besonders wichtig bei Warnzeichen („Red Flags“), weil dann neben funktionellen Ursachen auch organische Erkrankungen ausgeschlossen werden sollten. Das strukturierte Vorgehen wird in aktuellen Übersichts- und Leitlinienempfehlungen ausdrücklich betont. (Gastrojournal)


Red Flags – bitte zeitnah ärztlich vorstellen

  • Blut im Stuhl, Teerstuhl

  • Ungewollter Gewichtsverlust

  • Fieber, nächtliche Beschwerden, deutlicher Krankheitsindruck

  • Anämie oder auffällige Entzündungswerte

  • Neu auftretende Beschwerden ab ca. >50 Jahren (oder deutlich progredient)

  • Anhaltendes Erbrechen, Schluckstörungen

  • Starke, zunehmende Schmerzen, „Bauch steht bretthart“

  • Familiäre Belastung für Darmkrebs/chronisch-entzündliche Darmerkrankungen (Gastrojournal)


4) Diagnostik: Vom Symptom zur Ursache – sinnvoll statt „alles testen“


Moderne Empfehlungen raten zu einer zielgerichteten Diagnostik: erst die wahrscheinlichsten und behandelbaren Ursachen prüfen – und nur bei Hinweisen weiter eskalieren. (Gastrojournal)


Schritt 1: Anamnese (oft schon der Schlüssel)

  • Zeitlicher Verlauf: seit wann, täglich oder nach Mahlzeiten?

  • Ernährung: Milchprodukte, Zwiebeln/Knoblauch, Weizen, Hülsenfrüchte, Süßstoffe (Sorbit/Xylit), Kohlensäure

  • Stuhlprofil (Frequenz, Bristol-Skala, Pressen, „unvollständig entleert“)

  • Begleitsymptome: Schmerzen, Durchfall/Verstopfung, Sodbrennen, Übelkeit

  • Medikamente (v. a. Metformin/Acarbose), Antibiotikavorgeschichte

  • Risikofaktoren für SIBO (z. B. Darm-OP, Strikturen, Motilitätsstörung) (Darmzentrum Bern)


Schritt 2: Basisuntersuchung

  • Körperliche Untersuchung (inkl. Bauch, ggf. Rektaluntersuchung)

  • Häufig sinnvoll: Blutbild, CRP, ggf. TSH (je nach Symptomprofil)

  • Bei passender Konstellation: Zöliakie-Serologie (tTG-IgA/ges. IgA bzw. EMA) (AWMF Leitlinienregister)


Schritt 3: Zieltests (nur wenn es passt)

  • Atemtests bei Verdacht auf Kohlenhydratmalabsorption (z. B. Laktose) – idealerweise mit symptomorientierter Auswertung; nicht nur „Messwert“, sondern Beschwerden während des Tests zählen. (PMC)

  • SIBO/IMO-Diagnostik (Glukose- oder Laktulose-Atemtest) bei ausgewählten Risikopatienten, nicht als Routine bei jedem Blähbauch. (Darmzentrum Bern)

  • Endoskopie/Imaging (z. B. Koloskopie, Sonografie) bei Red Flags, relevanten Laborauffälligkeiten oder anhaltend progredienten Beschwerden. (Gastrojournal)


5) Moderne Therapie: Stufenplan statt „ein Mittel für alle“


Die wirksamste Behandlung ist meist kombiniert: Ernährung + Darmmotilität + Nervensystem/Darm-Hirn-Achse. Aktuelle Praxis-Updates geben dafür einen klaren Rahmen. (Gastrojournal)


Stufe A: Sofortmaßnahmen (alltagstauglich)

  • Langsamer essen, gründlich kauen, nicht „nebenbei“ hastig

  • Kohlensäure, Kaugummi, Bonbons (Süßstoffe) reduzieren

  • Portionen verkleinern, regelmäßige Mahlzeiten

  • Bewegung nach dem Essen (10–20 Minuten Spazieren)Diese Maßnahmen sind simpel, aber oft überraschend effektiv – besonders bei Schluckluft und funktionellen Beschwerden. (Gastrojournal)


Stufe B: Ernährung – evidenzbasiert und befristet testen

1) Low-FODMAP als zeitlich begrenzter Therapieversuch. Wenn Beschwerden trotz Basismaßnahmen bleiben, kann ein Low-FODMAP-Konzept helfen (v. a. bei Reizdarm-typischen Beschwerden). Wichtig: nicht dauerhaft „ultra-restriktiv“, sondern als strukturierter Test mit anschließender kontrollierter Wiedereinführung – idealerweise begleitet durch Ernährungsfachkräfte. (NICE)

2) Laktose-/Fruktose-Strategie

  • Praktisch oft zuerst: 2–3 Wochen Auslassversuch (z. B. Laktose) mit Symptomtagebuch

  • Wenn unklar: Atemtest nach Leitlinienstandard, inkl. Symptomerfassung (PMC)

3) Ballaststoffe gezielt

  • Bei Verstopfung kann lösliche Faser (z. B. Flohsamenschalen) hilfreich sein; zu schnelle Steigerung macht anfangs oft mehr Gas → langsam auftitrieren, ausreichend trinken. (Bei Reizdarm werden Faserstrategien ebenfalls diskutiert.) (Lippincott Journals)


Stufe C: Symptomorientierte Medikamente (je nach Ursache)

1) Entschäumer/„Carminativa“ (z. B. Simeticon)

  • Können bei meteorismusbetonten Beschwerden einen Versuch wert sein; die Evidenz ist insgesamt gemischt, aber die Verträglichkeit meist gut (v. a. kurzfristig). In Reizdarm-Leitlinien werden solche Ansätze als symptomorientierte Optionen erwähnt. (AWMF Leitlinienregister)

2) Pfefferminzöl

  • Für Reizdarm-assoziierte Beschwerden gibt es klinische Daten; Pfefferminzöl kann bei globalen IBS-Symptomen und Schmerz hilfreich sein, häufig gut verträglich (Achtung: Refluxneigung kann zunehmen). (Lippincott Journals)

3) Behandlung der Verstopfung

  • Wenn Verstopfung der Haupttreiber ist, steht die Stuhlregulation im Vordergrund (Ernährung, Flüssigkeit, Bewegung, ggf. medikamentös). Bei Reizdarm gibt es je nach Subtyp spezifische Optionen; die Therapie richtet sich dann nach IBS-C/IBS-D-Profil. (Lippincott Journals)

4) Antibiotische Therapie nur bei klarer Indikation

  • Bei bestätigter bzw. hoch wahrscheinlicher SIBO können Antibiotika (u. a. Rifaximin) eine Option sein – typischerweise ärztlich gesteuert, mit Blick auf Rückfallrisiko und Ursachenbehandlung. (Darmzentrum Bern)


Stufe D: Darm-Hirn-Achse & Beckenboden – „modern“ und oft unterschätzt

Gerade bei Bloating/Distension ohne klare organische Ursache betonen aktuelle Empfehlungen:

  • Biofeedback/Beckenbodentherapie, wenn eine Entleerungsstörung oder Beckenbodendyssynergie vorliegt

  • Zentrale Neuromodulatoren (z. B. niedrig dosierte Antidepressiva) können Distension/Bloating verbessern, indem sie viszerale Sensitivität und Stressverarbeitung beeinflussen

  • Darmgerichtete Psychotherapie (z. B. CBT, „gut-directed psychotherapy“) kann bei chronischen funktionellen Beschwerden helfen (ScienceDirect)


Probiotika: sinnvoll oder nicht?

Hier ist die Datenlage uneinheitlich:

  • Für isoliertes Bloating/Distension empfiehlt ein aktuelles AGA-Praxis-Update Probiotika nicht als Standardtherapie. (ScienceDirect)

  • Bei Reizdarm insgesamt werden Probiotika in einigen Leitlinien/Übersichten als mögliche Option diskutiert – jedoch stammspezifisch und nicht „one size fits all“. (AWMF Leitlinienregister)

Praktische Konsequenz: Wenn Probiotika, dann zeitlich begrenzter, klarer Therapieversuch (z. B. 4–8 Wochen) – und bei fehlendem Effekt konsequent absetzen.


6) Was du selbst beobachten kannst: Symptomtagebuch, das wirklich hilft

Ein gutes Tagebuch ist kurz und konkret (1–2 Minuten/Tag):

  • Uhrzeit + Mahlzeit (grobe Zutaten)

  • Blähungen/Distension (Skala 0–10)

  • Stuhl (Bristol 1–7)

  • Stress/Schlaf (kurz: gut/mittel/schlecht)

Das entspricht dem leitliniennahen Gedanken: Symptome im Kontext erfassen, statt nur Laborwerte „zu jagen“. (PMC)


Fazit

Blähungen sind meist funktionell und gut behandelbar – aber die wirksame Therapie ist selten „die eine Tablette“. Moderne Empfehlungen setzen auf ein stufenweises, individuelles Vorgehen: Red Flags ausschließen, Ernährung und Stuhlregulation optimieren, bei Bedarf gezielt testen (z. B. Laktose/SIBO nur bei passendem Profil) und die Darm-Hirn-Achse einbeziehen. (Gastrojournal)


Quellen (Auswahl)

  • AGA Clinical Practice Update: Evaluation and Management of Belching, Abdominal Bloating, and Distention (2023). (Gastrojournal)

  • DGVS/AWMF S3-Leitlinie Reizdarmsyndrom, Version 2.3 (Stand 03/2021; gültig bis 03/2026). (AWMF Leitlinienregister)

  • ACG Clinical Guideline: Management of Irritable Bowel Syndrome (2021). (Lippincott Journals)

  • NICE Guideline CG61: Irritable bowel syndrome in adults – dietary management (aktualisierte Empfehlungen u. a. zu Low-FODMAP). (NICE)

  • European guideline on indications, performance, and clinical impact of breath tests in adult gastroenterology (2021). (PMC)

  • ACG Clinical Guideline: Small Intestinal Bacterial Overgrowth (2020). (PubMed)

  • DGVS/AWMF S2k-Leitlinie Zöliakie (Stand 12/2021; gültig bis 10/2026). (AWMF Leitlinienregister)

  • European Consensus on Functional Bloating and Abdominal Distension (2025). (PubMed)


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